Archiv der Kategorie 'Pop'

Youth Without Youth

Sicher, „I Follow Rivers“ ist ein toller Song, doch dieses naturromantische Feierabendhippietum des angehenden Mittelstands, was sich vom Fusionfestival bis in die Chartsspitze zieht, werde ich, so sehr ich es auch versuche, wohl nie verstehen

Perfect World

Warum nur, fragen wohl einige Unverbesserliche, haben sich Gossip nun endgültig dem Mainstream-Pop verschrieben? Die Riot-Grrl-Attitüde mitsamt dazugehörigen Texten ist zwar geblieben, nur die Musik klingt nun deutlich anders – irgendwie passender, denn auch wenn die Band mit ihrer Lead-Single einzig eine von drei Künstlerinnen in den Top 20 sind, stehen sie damit der hippen Indie- und Elektroszene von der Quote her um nichts nach und verspotten die vermeintlich linksalternative Punk- und Hardcore-Subkultur mit bestenfalls einstelligen Anteil an nichtmännlichen Acts. Nachrangig ist das keineswegs, definiert selbst Santigold sich primär über ihre Geschlechterrolle im Popbusiness. Und diesbezüglich fügen die Charts der hegemonialen Männlichkeit nun mal mehr kleine Kratzer zu als die autonomen Jugendzentren dieser Republik.

Dein Wille geschehe

„Dein Wille geschehe“. Das klingt erst einmal unangenehm religiös, ja esoterisch. Doch nein, das ist „konstruktiver Fatalismus“ (taz) – mindestens. „Ich will dich noch einmal lieben / Wie beim allerersten Mal /Will dich einmal noch küssen / In deinen offenen Haaren / Ich will einmal noch schlafen / Schlafen bei dir“, singt dir kommerziell erfolgreiche Konkurrenz jungdeutscher Balladensänger. Bei aller Weichheit, meinetwegen neuer Männlichkeit, bleibt das einseitige Begehren ungebrochen. Tom Liwa ist anders: „Ich mache Schluss mit Politik / Entsage jeder Magie / Von hier an keine Tricks / Und keine Strategie“. Besonders all die Männer mit gebrochenen Herzen, die ihre narzisstischen Kränkungen beim hostilen Herrentag-Fahrradfahren externalisieren, sollten sich daran ein Beispiel nehmen. Und lieber alleine mit der Ukulele im vom Vollmond erleuchteten See sitzen. Das kann wirklich nur zum Guten gereichen. Mit der Kapitulation kommt die Befreiung.

Hang It Up

„Pop-Attacke: Englands Antwort auf die Krise“, titelte der Musikexpress und gemeint war das neue Album der Ting Tings. In dem Satz liegt utopische Wahrheit. Nach „We Started Nothing“ mitsamt der popfeministischen Hymnen „That`s Not My Name“ und „Shut Up And Let Me Go“ ging das Duo für das zweite Album in einen früheren Berliner Jazz-Club, das Album sollte „Kunst“ heißen, es verhieß auf der Lead-Single hübschen Synthie-Pop, die Band war unzufrieden. So viel also zum „kreativen Potenzial der Hauptstadt“. Nun ging es in eine kleine Stadt im Süden Spaniens, das Album heißt „Sounds From Nowheresville“, die Lead-Single ist ein „klappriges Rhythmus-Skelett“ (Plattentest) á la Gwen Stefanie, die Band ist zufrieden. Das mag jetzt nach keynesianischer Orthodoxie klingen, doch die Zukunft liegt nun mal in der Peripherie. Seit Anfang des Jahres okkupiert die spanische Single „Al Se Eu Te Pego“ die Pole Position der Charts und die Newcomer Casper und Kraftclub kommen zumindest aus dem Umfeld der west- und ostdeutschen Elendsgebiete. Eigentlich müssen die deutschen „Nur noch kurz die Welt retten“-Mauern fallen, doch Führungspositionen sind in der sozialen Marktwirtschaft leider geil. They All Like, What They See. Everybody Loves Somebody To Hate.

Sie weigern sich aufzugeben

Als Kemper 2009 zum letzten Mal das „Immergut“ veranstaltete, durfte Tilman Rossmy auf der Hauptbühne das Festival eröffnen. Das war recht undankbar, denn nur wenige Dutzend Zuhörer_innen standen vor der Bühne während der Rest recht desinteressiert in der Sonne lag. Wirkte er vielleicht deswegen „wie ein alter Griesgram, den Musik spielen sehr, sehr langweilt“ (Monarchie & Alltag)? Kaum wieder zu erkennen war er, als er einige Stunden später beim Die Sterne-Auftritt hinter der Bühne vergleichsweise ekstatisch mittanzte.

Anfang der 90er Jahren haben sie es gemeinsam vom grauen Nordrhein-Westfalen nach Hamburg geschafft, doch während Rossmy nur „beinahe berühmt“ (So der vermutliche Titel seines kommenden Albums) war, lieferten Die Sterne Mitte der Neunziger ihre größten Hits ab. Sowohl beim Immergut-Festival als auch bei ihrem jüngsten Berliner Konzert im Festsaal Kreuzberg hüpfte das Publikum bei „Was hat dich bloß so ruiniert?“ am höchsten – und das gilt auch für jene Teile, bei denen autobiographische Erinnerungen an die Veröffentlichungstage ausgeschlossen werden können.

Auf der im Januar veröffentlichten EP „Für Anfänger“ hat die Band ihre größten Songs bis 1999 noch einmal neu aufgenommen. Die gesellschaftlichen Widersprüche finden hier innerhalb des Individuums statt, gemütlichen Freund-Feind-Schemata verweigert man sich („Fickt das System“). Auch schaffte man es, berufliche Selbstausbeutung („Universal Tellerwäscher“) und albernen Hauptstadthype („Big in Berlin“) ungleich subtiler und intelligenter zu besingen als es heutzutage die sehr viel erfolgreicheren Deichkind („Bück dich hoch“, Singles #14) und Kraftclub („Ich will nicht nach Berlin“, Alben #1) tun. Mag sein, dass die Ü30-Fraktion meint, auf diese Aufnahmen „hätte man verzichten können (Musikexpress) bzw. sie „braucht kein Mensch“ (Jungle World), doch wenn auch nur ein_e Hörer_in jüngeren Alters dadurch auf die Band aufmerksam wird, hat es doch etwas gebracht.

Zusätzlich befinden sich auf der EP Coverversionen von Superpunk („Ich weigere mich aufzugeben“) und Tilman Rossmys Ex-Band Die Regierung („Ich halt es nicht aus“). Letztere plant mit Unterstützung der Sterne auch eine Wiederaufnahme ihres ersten Albums – warum sollten eigentlich bei all den Eurodance-Hits nicht auch die Pioniere der Hamburger Schule von den ständigen Revivals profitieren? Mehr zu sagen als Kraftclub haben sie sicherlich.