Hate Crime

„Die Zensur dokumentiert letztlich nur das nordamerikanische Wertesystem: Nackte Frauen stoßen auf mehr Widerstand als die vielen Videos voller Gewalt, das wirklich brutale Zeug auf YouTube“, sagt Katie Stelmanis, Sängerin der australischen Band Austra, zu der You Tube-Zensur des Videos „Beat And The Pulse“, ihrer ersten Singleauskopplung des im letzen Jahr erschienenen Album „Feel It Break“.

Nun gut, eigentlich gibt es auch bei YouTube kein Unterangebot an erotisch aufgeladenen Videos und viele ihrer Kollegen und auch Kolleginnen des kulturindustriellen Pop-Business geben sich redliche Mühe dem Prinzip der bei heterosexuellen Männern „stimulierten masochistischen Vor-Lust“ gerecht zu werden, das Adorno und Horkheimer in der 40er Jahren analysierten. Die Frauen bleiben dabei stets „Statistinnen männlicher Fantasien“, wie es die feministische Psychoanalytikerin Benjamin formulierte.

Beim Austra-Video ist bzw. war es wohl anders: „Niemand hatte das Gefühl, zum Objekt degradiert zu werden“, sagt die bekennend lesbische Sängerin in Bezug auf die unzähligen Darstellerinnen, die zum Teil entblößt vor der Videokamera zu stehen hatten. Bei einer männlichen Rockband, so sie weiter, wäre dies bestimmt anders gewesen. Unter diesen Vorzeichen birgt das Video auch eine Idee davon, wie nicht von männlich-heterosexuellen Fantasien dominierte Musikvideo-Kunst sich auch jenseits (queer-) feministischer Nischen etablieren könnte. Immerhin hat Austra es, selbstverständlich in der zensierten Version, zwischenzeitlich in die Rotation von MTV geschafft.

Neben der visuellen Inszenierung gibt es einen weiteren Unterschied zu den dort sonst abgespielten Videos, die momentan mit Ibiza- bis Mittelamerika-Sounds unterlegt sind: Stelmanis mit vierzehnjähriger Gesangsausbildung geschulte „Stimme fährt mit einer fast schon provozierenden Klarheit durch die bass- und beatintensiven Gothpop-Songs“ eines „vollelektronischen Kältekammersound“ (Musikexpress) und singt statt inhaltsleeren Partyhymnen im Refrain des Liedes „Feel It Break, Nothing`s A Mistake“. Und wahrscheinlich ist diese Kombination auch viel stimmiger: Betrachtet man neben der objektiv biologischen Fortpflanzungsfunktion nämlich auch den subjektiv individuellen Lustgewinn bei sexuellen Angelegenheiten, so ist es nach bestimmten psychoanalytischen Theorien folgerichtig, dass der Sexual- dem Ich-Trieb nicht etwa innewohnt sondern entgegengesetzt ist.

„Austra sind auf den ersten Blick brav und harmonieliebend – um im nächsten Moment dem Gegenüber an den Hals zu springen“, fasst der Plattentest das Album der Band zusammen. Immerhin wurde dem verstörenden Potenzial der Gruppe Rechnung getragen.