Wo die Sonne nicht scheint

„Das Böse es lauert / Auf symmetrischen Pflastern / Zwischen Geranien und blauen Säcken / Enttäuscht von sich selbst / Jugend an Tankstellen / Einsam und feindlich“, heißt es auf Mutters aktuellen Album „Mein kleiner Krieg“. Tausende von Jugendlichen und jungen Erwachsenen müssten wohl dieses Gefühl kennen, wenn sie von ihren elterlich subventionierten Jugendzimmern, Studierenden-WGs oder Easy Jet-Flugzeugen Berlins hinaus zu den Früchten der Einheit rund um den Wohlstandleuchtturm Dessau fahren um das Melt!-Festival zu besuchen.

Wenn man beispielsweise im empfehlenswerten Sammelband „Kaltland“ liest, dass in den 90er Jahren Autos in der brandenburgischen Provinz mit Berliner Kennzeichen vom nationalsozialistischen Zonennachwuchs mit Steinen beworfen wurden, mag man kaum glauben, dass das tatsächlich schon über zehn Jahre her sein soll.

Nach dem Plattentest analysierten Mutter schon „1993 auf „Du bist nicht mein Bruder“, dass das mit dem Zusammenwachsen von West und Ost und den blühenden Landschaften kräftig in die Hose gegangen war“. Aber andererseits ist Deutschland vielleicht gerade so zusammengewachsen, wie es anders nicht hätte zusammenwachsen können. So verloren sich beim Melt-Festival letzten Jahres an die 30 Leute beim Mutter-Konzert im Zelt, während am Vorabend über 10.000 Menschen zu den Klängen des Truppenbesuch-DJs und pragmatischen Nationalisten („Es wäre sehr schade, wenn Deutschland sterben würde – wobei auch ein Staatsbankrott ziemlich ärgerlich wäre“) Paul Kalkbrenner tanzten.

„Später werden Leute sagen: Das hat kein Schwein wahrgenommen – das aber ist das Geilste gewesen!“, sagt Jochen Distelmeyer über die Berliner Band, die ein „schlagender Beweise für den geringen Einfluss des Feuilletons“ ist, denn nach ihm wäre, so die taz, „wenn man es genau nimmt, Mutter die einzige deutsche Band, die überhaupt noch spielen müsste“.

Wenn das schöne Leben bei bloßem Dazugehören winkt, wird in dieser Position die Außenwelt noch mehr zur Unlustquelle als sie es ohnehin schon war. Die ebenso gelobte wie erfolglose Band verschanzt sich im isolierten randständige Dasein: „Unsere Mitte gibt es für Mutter ebenso wenig wie ein Wir. Sänger Max Müller hat die Schlacht um Geistesverwandtschaft und Gemeinsamkeit verloren gegeben“, schreibt Konkret und neben dem Opener in überraschend „kompakter Andreas-Dorau-Produktion aus dem Party-Pop-Keller“ (Musikexpress) werden die „Bilder eines großartigen, pervertierten Heimatfilms“ im Sound einer „geradezu heimtückische Auflehnung gegen Gemütlichkeit“ (Spex) serviert. „Mein kleiner Krieg“ ist ein Manifest radikaler Verweigerung.